Heimat ist kein Ort - Heimat ist ein Gefühl


Von Hirtenhäusern und einer Bäckerei (von Karola Hankel-Kühn)

Das Gebäude des heutigen Eis-Cafe Schneemilch in der Erfurter Landstraße 97 kann auf eine fast 200jährige Geschichte als Bäckerei zurückblicken.

Ursprünglich gehörte das Grundstück zum Karlsplatz und grenzte an das Obertor, einem Dorfausgang in Richtung Erfurt. Der Dorfplatz erhielt erst 1825, anlässlich des 50jährigen Regierungsjubiläums des Großherzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, den Namen „Karlsaplatz“. Zuvor wurde der Bereich östlich des Obertores „Auf dem Plane“ und westlich „Auf dem Anger“ genannt.

Das heutige Grundstück „Erfurter Landstraße 97“ bestand bis 1830 aus drei kleinen Einzelgrundstücken. Von ihnen war das linke seit Jahrhunderten der Kirche erbzinspflichtig, während das mittlere und rechte der Gemeinde gehörten und für Hirten und deren Familien als Wohnungen dienten, die nur in der Sommersaison von der Gemeinde angestellt wurden. Alle drei Grundstücke waren mit kleinen Häuschen aus Lehm und Stroh, sowie einem winzigen Hofbereich mit kleiner Stallung und Abort bebaut. 

Im neu angelegten kirchlichen Erbzinsbuch im Jahre 1701 wurde zum linken Grundstück unter der Nr. 125 erwähnt: „Haus und Hof auf dem Plan, neben dem Hirtenhaus“. In diesem Jahr zahlte Jeremias Röllstedt die Erbzinsgebühr über 3 Groschen. Bereits sein Großvater, Georg Röllstedt, war nach der Aufgabe seiner Tätigkeit als Mädchenlehrer 1688 hierher gezogen. Zuvor hatte er mit seiner Familie im Schulhaus neben der Kirche gewohnt. Als er 1696 verstarb, vererbte sich die Lehn erst einmal automatisch auf die Familie und kam somit auf seinen Enkel Jeremias.

Für manche junge Familien war ein erbzinspflichtiges Grundstück nur eine Übergangslösung, um auf einen Hauskauf zu warten. So war es bei Hans Beyer, der auf Jeremias Röllstedt von 1704 bis 1712 im Erbzinsbuch folgte und ebenso bei seinem Schwager Georg Kühndorf 1712/13.

1713 bis 1728 hatte Michael Sander das Lehn in Besitz. Nachdem er verstarb und seine Witwe eine neue Ehe einging, wurde das winzige Häuschen an Heinrich Schröder weitergegeben, in dessen Familie es 100 Jahre verblieb.

Heinrich Schröder war der älteste Sohn des am Untertor wohnenden Barthol Schröder. Die Sitte, dass der älteste Sohn in Haus und Gewerbe dem Vater folgte, gab es in Stotternheim nicht bzw. nur selten. Die Väter behielten so lange wie möglich bis ins hohe Alter hinein ihr Eigentum und so lange wollten die Söhne nicht warten. Sie bauten ihr Eigentum auf und machten es im Alter nicht anders als ihre Väter.

Frisch verheiratet bewarb sich Heinrich Schröder sofort für das freigewordene Erbzinsgrundstück. Über seinen Sohn Philipp (*1743 +1783) kam es an dessen einziges überlebendes Kind Georg Heinrich. Dieser erlernte das Schuhmacherhandwerk stand jedoch lange Jahre in königlich-preußischen Militärdiensten.

Von 1805 bis 1820 trug das Haus die offizielle Nr. 167, ab 1821 die Nr. 172.

Als die Gemeinde 1830 die beiden angrenzenden Hirtenhäuser zum Abriss bestimmte, rückte auch das kleine Schröder-Häuschen in den Blickpunkt. Schröder erhielt eine finanzielle Entschädigung und die Gemeinde einen größeren Bauplatz für das geplante Backhaus.

Über die beiden, an das Schrödersche Häuschen angrenzenden Hirtenhäuser ist vor 1800 wenig bekannt. Es liegt daran, dass abgesehen von den im Dorf ansässigen Hirten, die Saisonkräfte nur selten im Kirchenbuch und niemals in Steuerlisten erwähnt wurden.

Die Häuser der saisonal beschäftigten Hirten standen in kompletter Verantwortung der Gemeinde. Sie war für Neubau, Sanierung/Erhaltung und Einrichtung zuständig.

Praktischerweise befand sich vor den Hirtenhäusern am Obertor auch gleich der morgendliche Sammelplatz für das Vieh (Kühe, Schafe, Schweine und Gänse). Da sich hier die Hinterlassenschaften der Tiere anhäuften, war es neben der Geruchsbelästigung für Anwohner des Platzes auch kein schöner Anblick für Reisende, auf der durch das Dorf verlaufenden Handelsstraße.

Durch ideologisch verklärte Auffassung wurden die Hirten zu ungebildeten Menschen herabgestuft, doch das waren sie nicht. Bei Behandlungen der ihnen anvertrauten Tiere während der Weidezeit, kam ihr Wissen und Können Tierärzten gleich.

Ebenso waren Hirten keine „schrulligen“ Einzelgänger, sondern hatten ihre Familien, wenn sie die Sommersaison über in anderen, teils sogar weit entfernten Gebieten angestellt waren, immer dabei. Sogar Kinder wurden in den Arbeitsorten geboren. Im November endete die Anstellung, dann kehrten sie in ihre Heimatorte zurück. Manche kamen im nächsten Frühjahr wieder.

Durch die nach dem Bauernkrieg in den neuen evangelischen Gebieten eingeführte Schulpflicht, besuchten auch die Kinder der Hirten die Dorfschulen und sie waren durchaus keine „dummen“ Kinder. Es gab sogar „Klassenerste“ unter ihnen.

1737 musste die Gemeinde die alten nicht mehr sanierungsfähigen Hirtenhäuser abreißen und neue bauen lassen. „Strohhäuser“ wurden sie auch genannt.

Ab 1810 wohnte der Hirte (auch Hutmann genannt) Georg Köhler mit Frau und Kindern im linken Hirtenhaus. Nach dem Abriss wurde er durch die Gemeinde im Armenhaus untergebracht, während seine Ehefrau in der Sackgasse, im Haus des Christoph Zacher wohnte. 1831 grasierte auch im Dorf die Cholera und so wurde Georg Köhler zur Entlastung des überbelegten Armenhauses aufgefordert, zu seiner Frau in die Sackgasse zu ziehen.

Mit dem Bau des Oberbackhauses 1830/31 veränderte sich der Anblick des Karlsplatzes, dem bisherigen Bereich „Auf dem Plane“, völlig, denn mit dem Verschwinden der Hirtenhäuser wurde auch der Viehsammelplatz beseitigt. Der Dorfteich wurde zu zwei Drittel verkleinert und auf dem verfüllten Areal eine parkähnliche Grünfläche angelegt.

Wo sich das vormalige „Oberbackhaus“ befand, ist bislang ungeklärt. Bereits seit dem 14. Jahrhundert gab es im Dorf zwei Backöfen, wie aus einer Urkunde hervorgeht: “… Der Rat zu Erfurt überweist der Dorfgemeinde Stotternheim zwei Backöfen zum Brotbacken gegen einen Zins von 8 Pfund Pfennige”(Stadtarchiv Erfurt).

Leider lässt auch keine Einwohner- und Steuerliste eine Gebäudeeinordnung zu.

Laut Stotternheimer Dorfchronik von Pfarrer Andreä kostete der Neubau 1.200 Taler. Erster Pächter wurde Justus Heinrich Voigtritter. Er war Stotternheimer und wurde hier 1804 geboren. Nach seiner Bäckerlehre war er unter anderem in Paris tätig und brachte von dort sicher auch Rezepte mit, die die Stotternheimer bislang nicht kannten. Neben den Angeboten der Bäckerei wurden aber auch weiterhin Brot, Semmeln und Kuchen der Dorffrauen in den Backofen geschoben.

Auch seinen Nachfolger, den Bäckermeister Christian Keitel, lobte Pfarrer Andreä 1860 (Chronik) für das „feine“ Angebot. 160 Taler kostete im Jahre 1860 die jährliche Pacht für diese Bäckerei.

1870 trug das Haus die Nr. 172, im Jahre 1924 bis 1933 die Nr. 161

Nach dem Wegzug der Familie Keitel übernahm Bäckermeister Högel das Oberbackhaus. Er war auch der Erbauer des Gasthauses „Deutscher Kaiser“, heute als „Deutsches Haus“ bekannt.

Weitere Bäckermeister folgten:

Oberbackhaus (Schneemilch)Oberbackhaus (Schneemilch)

Zwischen 1903 und 1923

Thilo Lehmann (*1869) zog um 1900 nach Stotternheim. Er wirkte in der Gemeinde als Vormund, war bei der Organisation der örtlichen Gewerbe- und

Industrieausstellungen beteiltigt und wurde 1918 in den „Arbeiter- und Bauernrat“ gewählt.

1923 beging er sein 25jähriges Meisterjubiläum. Hilde Lehmann (vermutlich eine der Frauen auf dem Foto) wohnte noch 1924 hier.

Zwischen 1924 und 1933 war Bäckermeister Fritz Schüchner (*1892 in Esperstedt) hier tätig und warb als „Brot-, Weiß- und Fein-Bäckerei“ für sein Geschäft.

Richard SchneemilchRichard Schneemilch

1937 kaufte Richard Schneemilch die Bäckerei, die sich nun mittlerweile in dritter Generation befindet. Neben Brot, Brötchen und Kuchen wurden zur Adventszeit auch Schittchen gebacknen (Foto Richard und Sohn Horst Schneemilch). Das schön dekorierte Schaufenster in der Weihnachtszeit war immer ein Hingucker.

Schulkinder kamen gern, vor dem ESP und PA-Unterricht, der in den Baracken hinter der Kaufhalle stattfand, in den Bäckerladen. Besonders der Rumkuchen war bei ihnen beliebt.

Zu vergessen sei auch nicht das Eisfähnchen, nachdem Kinder und Erwachsene Ausschau hielten, sobald das Wetter sich im Frühling wärmte. Wehte das Fähnchen über der Tür, wurde das Fenster im kleinen Vorraum geöffnet und schnell bildete sich eine Warteschlange.

Quellen:
F. W. Andreä: Dorfchronik von Stotternheim (handschriftlich und gedruckt)
Foto: „Bäckerei Thilo Lehmann“ Heimatverein Sth.
Foto: „Bäckerei Schneemilch“ Herrn Schneemilch