Heimat ist kein Ort - Heimat ist ein Gefühl

Bäckerei Mittelgasse 8 (von Karola Hankel-Kühn)

Nach der Einwohnerliste von 1731, die anlässlich der Knopfaufsetzung auf den neuen Kirchturm angelegt wurde, bewohnte dieses Grundstück Adam Jacobi. Er war der jüngste Sohn des aus den Niederlanden eingewanderten Bäckermeisters Jacob Jacobi und wie schon sein ältester Bruder, wurde auch Adam ein Bäckermeister. Jedoch befand sich sein Elternhaus nicht hier, sondern in der Sackgasse. Ob bereits Jacob Jacobi in dieser Bäckerei wirkte oder die in diesem Gebäude erst durch Adam gegründet wurde, bleibt unklar. Nach 1731 verließ Adam Jacobi Stotternheim, war in Haßleben und zuletzt in Niedernissa tätig.

Dora Herntrich mit Sohn EdgarDora Herntrich mit Sohn Edgar

Ein weiterer Bäckersohn, der für dieses Grundstück in der Mitte des 19. Jahrhunderts nachgewiesen werden kann, war Andreas Lauterbach. Er war ein Sohn des Meisters Caspar Lauterbach, dessen Bäckerei sich Riethgasse 24 befand.

Zwischen 1924 und 1945 trug die Bäckerei die Anschriften: Nr. 45, Nr. 44, Moltkestraße 8 mit der Telefonnummer 39 und ab 1945 Mittelgasse 8.

Bäckermeister Ernst Schmeißer war der Sohn des Landwirts Emil Schmeißer und wurde von 1924 bis 1933 hier erwähnt, war jedoch ab 1927 nicht mehr tätig und zog danach nach Erfurt. Die Bäckerei ging in Pacht ab 1. Januar 1927 an den aus Rohrborn stammende Karl Ratzmann über. 1935 wurde die Bäckerei durch Kauf sein Eigentum bis zum Renteneintritt im Juni 1937.

Unter ihm und seinem Nachfolger war Max Appenroth als Bäckergeselle angestellt, der nach 1949 nicht mehr erwähnt wurde.

Am 1. Juli 1937 übernahm Gustav Erfurth, der aus Schwerborn stammte, die Bäckerei.

Meisterbrief Edgar HerntrichMeisterbrief Edgar Herntrich

Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befand sich die Bäckerei im Besitz der Familie Herntrich.

Bäckermeister Köhler war der Letzte in der langen Geschichte und galt als guter Brotbäcker. Wer an den Samstagen Brot und Brötchen sichern wollte, musste bereits Tage zuvor die Bestellung tätigen. Für Bewohner des Südviertels war es ein weiter Weg.

Die Mittelgasse ohne feste Fahrbahndecke, war nur bei trockenem Wetter begehbar. Doch auch der Fußweg war nicht einfach. Vor einigen Häusern befanden sich noch die Pflasterung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit „Katzenköpfen“. Vor einem Tor, kurz vor der Bäckerei, war die Zahl „1848“ mit zweifarbigen Steinen gelegt und erinnerte damit an das Jahr der Pflasterung.

Trotz einer vorherigen Brotbestellung bedurfte es einer langen Wartezeit. Die Schlange reichte vom Ladentisch, durch einen Gang - an dem entlang die Regale mit Broten standen -, durch einen winzigen Hof bis hinaus auf die Gasse hinaus. Bei Frost oder Regen waren die Kunden froh, wenn endlich der warme Laden erreicht werden konnte.

Unvergessen für ein Kind bleibt wohl der hohe Holzkasten mit der Glasabdeckung, der auf der linken Ladentischseite stand. Hierin lagen die Schaumwaffeln. Wie enttäuschend, als es diese eines Tages nicht mehr gab.

Mitte der 1970er Jahre wurde die Bäckerei für immer geschlossen.

Quellen:
Heimatglocken
Adressbücher 1924 bis 1949/50
Fotos Frau Waltraud Herntrich