Heimat-, Gewerbe- und Geschichtsverein e. V.

Spätsommertage im Solbad Louisenhall

(Ein Bericht aus dem Sommer 1928 oder 1929)

  von Alfred Neumann-Jüttner

Nach einem wenig schönen Sommer hat der Wettergott nun doch ein Einsehen gehabt und uns Spätsommertage geschenkt, wie man sie selten erlebt. So machte ich mich dann auf nach dem lieben, alten Louisenhall, das vielen Erfurtern wegen seiner heilbringenden Sole in bester Erinnerung ist. Der alte Omnibus wartet noch immer vor dem Bahnhof Stotternheim, und es beginnt die bekannte wilde Jagd, um noch einen Platz in ihm zu erhaschen. Die meisten steigen schon auf dem Erfurter Bahnhof in den letzten Wagen des Zuges ein, um ja recht schnell den Omnibus erreichen zu können. Die Zurückgebliebenen müssen, sofern sie die Rückkehr des Omnibusses nicht abwarten wollen, den Weg zur Saline zu Fuß zurücklegen, der sich aber lohnt, weil er durch eine schöne und fruchtbare thüringische Ackerlandschaft führt.

Auf der Saline Louisenhall, die in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiert, erwarten einen die alten, vertrauten Gebäude, und man sieht, dass rührige Hände auch in den letzten Jahren an der Arbeit gewesen sind, um das Solbad Louisenhall immer mehr den neuzeitlichen Bedürfnissen entsprechend auszubauen, damit die Erfurter, die es besuchen, sich dort wohlfühlen können. Der zielbewussten und vorausschauenden Leitung der Vereinigten Thüringischen Salinen sei dafür gedankt. Jeder kleinste Wunsch des Badegastes, wenn er nur irgend berechtigt ist, wird nach Möglichkeit erfüllt. Das Logierhaus ist mit neuen Eisenbetten und mit fließendem Wasser versehen, im Inhalationsraum ist der neueste Zerstäuber nach dem System von Prof. Wassmuth eingebaut worden, der die Sole mit komprimierter Luft zu feinstem Nebel zerstäubt, der gerade für die kranken Atmungsorgane besonders dienlich ist. Dadurch hat das Solbad Louisenhall jetzt einen vollkommen neuzeitlichen Heilfaktor erhalten, so dass es bezüglich der Raum-Inhalation keinem anderen modernen Solbad nachsteht. Und das ist gut so, denn die Erfurter Luft soll für die Atmungswege nicht gerade günstig sein. Neuangekommene, die Louisenhall noch nicht kennen, gehen jetzt befriedigt von dannen und kommen gerne wider hierher zurück.

Die Erkenntnis der heilenden Wirkung des Solbades und seiner jetzt ideal schönen Inhalierraumes hat sich in diesem Jahr immer mehr in den Kreisen der Erfurter Bürgerschaft durchgesetzt. Betritt man die Saline, so sieht man viele Privatautos stehen, die die Gäste hierher gebracht haben. Der Besuch des Bades Louisenhall im Vergleich zum vergangenen Jahr hat im Durchschnitt um über 100 Prozent zugenommen, und wenn eine größere Unterkunftsmöglichkeit vorhanden gewesen wäre, hätte das Bad noch weit mehr Gäste in diesem Jahr aufnehmen können. So musste ein großer Teil leider abgewiesen werden. Bezüglich der vorzunehmenden Verbesserungen wäre zu wünschen, dass die neue Liegehalle, die jetzt mit dem Bad verbunden ist, an der Vorderseite Fenster erhalten würde, damit der Badegast vor Erkältung durch Zugluft geschützt ist und auch zum Schutze gegen den starken Temperaturwechsel.

Besonders aber zu wünschen wäre es, und was gerade für das Solbad Louisenhall die allergrößte Hauptsache ist, dass eine bessere Beförderung der Badegäste vom Bahnhof Stotternheim, oder noch besser sogar ab Erfurt direkt vom Anger durch einen Autoomnibus, dessen Besetzung durch die Zahl der Besucher schon heute mehr als gewährleistet wäre, eingerichtet würde. Wenn man bedenkt, dass eine einfache Fahrt vierter Klasse, einschließlich der Fahrt mit der Elektrischen in Erfurt, und mit dem Omnibus in Stotternheim hin und zurück M 1,50 beträgt, und ab 7. Oktober diesen Jahres durch den neuen Eisenbahntarif diese Kosten noch erhöht werden, so wäre durch die Verwirklichung dieses Vorschlages vielen Kranken und Leidenden der Erfurter Bürgerschaft sehr geholfen. Das Solbad Louisenhall besuchen nur die wirklich Kranken und vielen unter ihnen ist es unmöglich, die großen Treppen des Erfurter Bahnhofs emporzusteigen und das Umsteigen in Stotternheim vorzunehmen. Durch die Behebung der bekannten Übelstände bei der Beförderung würde so mancher Erfurter sich vom Besuch des Solbades Louisenhall fortan nicht mehr abhalten lassen. Bisher hat so mancher den weiten Weg und die umständliche Reise gefürchtet, denn die meisten können sich in der heutigen schwierigen Zeit kein eigenes Auto leisten.

Oft wird man v on den Erfurtern gefragt: "Wie können Sie es nur in Louisenhall aushalten und dort wohnen?" Die absolute Ruhe und Abgeschiedenheit vom Weltgetriebe ist es, die einen hier so wohltuend umfängt. Man hat mit Baden, Inhalieren, Essen und Schlafen so viel mit sich zu tun, dass fast der ganze Tag drauf geht, und man gar keine lange Weile verspürt. Der kleine Park mit seinen schönen Ruhebänken lädt zu kurzer Ruh' ein. Man sieht dort manchen schönen Winkel: "Müldeners Ruh'" oder "Marthels Ruh'", wie die Salinenverwaltung die Stellen nach alten, lieben Kurgästen benannt hat.

Man kann auch abends nach Stotternheim in den Ratskeller gehen, wo man seine helle Freude hat an so mancher drastischen Gestalt aus dem Dorfe. Zum Beispiel an den Schuhmachermeister Adolf Lawenik. Oder man geht nach Nöda. Dieses kleine, saubere, thüringische Dorf besitzt auch ein Original. Es ist der Schankwirt Albert Arnold, ein braver Kriegersmann, der über einen gesunden Mutterwitz und über eine seltene Schlagfertigkeit verfügt. Tut ihm jemand etwas zu Leide, so verfertigt er ein kurzes treffendes Gedicht, schreibt es mit Kreide auf eine große, schwarze Tafel und hängt diese vor seine Wirtschaft. Er hat sich dadurch schon viele Feinde zugezogen, hat aber stets die Lacher auf seiner Seite. Und wenn nun erst Kirmes ist, wie vor einigen Tagen in Nöda, da kann man sich am thüringischen Volksleben in seiner Fröhlichkeit und Harmlosigkeit erfreuen, und die Stunden gehen im Fluge dahin. Die hohe Obrigkeit sorgt aber auch dafür, dass die Jungburschen nicht gar zu übermütig werden und das Fest durch einen Streit stören, der meist einen ganz harmlosen Ursprung hat. Man kann es also in Louisenhall aushalten, ohne sich zu langweilen, sorgen doch die täglich ankommenden Badegäste, und so mancher andere für genügend Zerstreuung. Auch das Essen auf der Saline ist gut. Die Frau des Inspektors, Herrn Brömme, führt eine gute und anerkannte Küche. Zu sonstigen Zerstreuungen, die ein Modebad bietet, ist in Louisenhall keine Gelegenheit; man muss hier früh schlafen gehen, was für die Kur und die Gesundheit sehr bekömmlich ist.

Louisenhall hat seine Vergangenheit und glaube ich, auch noch seine Zukunft. Schon vor langer Zeit hat man sich mit der hier erschlossenen Salzquelle wissenschaftlich beschäftigt. In der Erfurter Stadtbücherei befinden sich nämlich die Protokolle der "Akademie nützlicher Wissenschaften" vom Jahr 1765 ab.

In Ihnen steht:

Seite 91, Aktum in Sess. ord. d.2.Sept.76

Nr. 3, Herr Prof. Hadelich las ab seine Beobachtungen über die Stotternheimer Salzquelle.

Nr. 4, Herr Prof Tromsdorf las ab, die chymische nähere Untersuchung dieser Salzquelle.

Conclusum. Beide Abhandlungen sollen doppelt abgeschrieben, und ein Exemplar davon Em- vorgelegt und dabey gezeigt werden, was die Academie nützliches unternimmt und das andere Exemplar Hn. - selbst dem berühmten Salzwerkskenner dem Herrn Geh.R. K. von Beust zuschicken und ihn bitten, selbst hierher zu kommen, oder einen verständigen Deputanten herzuschicken, um diese Quelle selbst zu untersuchen und anzugeben, ob und wie ein Salzwerk dabey anzulegen sey.

2.Aug.1779. Seite 116.

Nr. 3, Herr Prof. Hadelich meldet, dass er eine Quelle im hiesigen Gebiet entdeckt, welche alle Proben des Lauchstädter Bades aushalte.

Nr. 4, Herr Prof. Tromsdorf meldet, dass der erste Stotternheimer Brunnen dem Pyrmonter Brunnen gleich komme.

Danach hätte also Louisenhall früher Mineralwasserquellen besessen. Von der Verwaltung sind in neuester Zeit Bohrungen vorgenommen worden, die insofern ein gutes Ergebnis erzielten, als sie ein gutes, bekömmliches Trinkwasser zu Tage förderten, nach dem man auf der Saline schon über 100 Jahre vergeblich gesucht hatte. Vielleicht ist es der Badeverwaltung möglich, diese alten Quellen, von denen Prof. Hadelich und Prof. Tromsdorf schon in Jahr 1779 berichteten, für die kranke Menschheit wieder nutzbar zu machen, denn damit würden sich für die Zukunft der Saline und des Solbades Louisenhall ungeahnte Möglichkeiten erschließen. 


(Bei dem Beitrag handelt es sich um eine durch den Salinenmitarbeiter Karl Schein gefertigte Zeitungsabschrift. Karl Schein lebte von 1828 bis 1937 in Stotternheim. Die Abschrift hat freundlicherweise ein Enkel Scheins, der Berliner Journalist Ulrich Miksch, zur Verfügung gestellt)